Es war einmal....ein Antimärchen

Antimärchen!
Das beschreibt eigentlich perfekt warum ich gerade da bin wo ich gerne wieder runterklettern möchte.

Erstmal zu mir:
Ich bin 27 Jahre alt, 1.59 m groß/klein und bin vermutlich das was man einen emotionalen Esser nennt.
Ich esse wenn ich traurig bin, aufgeregt, wenn ich mich beruhigen möchte oder aber auch wenn ich mich für irgendwas belohnen möchte.

Ich war bis ich 13 war eigentlich sogar recht schlank, das Leben machte Spaß aber irgendwann kam das was viele sicherlich kennen.
Mit 12/13 kam ich in die Realschule, meine Klasse wurde durchmischt, viele Freunde gingen und dazu kamen Leute denen ich (warum auch immer) nicht passte. Egal was ich tat.
Ich kann mich genau daran erinnern das ich in dieser Zeit einfach aß. Ich verkrümelte mich nach der Schule regelmäßig auf mein Hochbett um, ihr werdet es erraten, zu essen. Auch um gleichzeitig die Beleidigungen und die Ausgrenzungen innerhalb der neuen Klasse zu vergessen oder zumindest um mir ein gutes Gefühl zu geben.
Pubertät und Schulsport sei dank reagierte mein Körper recht stabil aber hier fing ich schon an mich mit Essen zu beruhigen und Essen als eine Art Ersatz für Kontakte anzusehen die ich nicht hatte und als Ausgleich.

Das ging etwa so bis zu meinem Schulabschluss den ich quasi als Wiedergeburt begriffen habe.
Danach wurde alles irgendwie besser. Ich entwickelte mich, wuchs in meiner Persönlichkeit, knüpfte zaghaft Kontakte und darunter mit 18 auch den bis dahin Wichtigsten.
Ich traf meine Ex damals auf einer Studentenparty. Er war im 1. Jahr, Auslandsstudent und irgendwie hats sofort gefunkt.
Mit ihm fühlte ich mich mutiger, selbstsicherer. Ich fing an wieder Vertrauen in andere zu bekommen und teilte alles mit ihm.
Ich lernte mich selbst wieder lieben und sah mich so wie er mich sah. Irgendwann brauchte ich mich nicht mehr mit Essen zu trösten und musste meine Gefühle nicht mehr durch Essen ersticken.
Ich wog als ich ihn kennenlernte 83 kg und nahm innerhalb von 2 Jahren gesund ab bis ich 67 kg wog.
So fühlte ich mich wohl, so liebte ich mich.
Wir schmiedeten Pläne, ich lernte seine Freunde in Japan kennen, er zeigte mir seine Heimat und wir sprachen von einem gemeinsamen Leben.

Happy End oder? Hätte ich gerne gehabt. Aber man bekommt leider nie das was man sich wünscht.

Ich habe mir nie etwas gedacht wenn er in den Semesterferien zurück nach Japan geflogen ist. Ich habe ihm vertraut, warum hätte ich auch Zweifeln sollen? Zweifel haben an einem Menschen dem ich mein Herz schenkte. Er wird halt seine Familie besuchen und seine Freunde sehen wollen. Immerhin hatten wir ja auch beinahe täglich Kontakt.

Bis zum Februar 2015.
Kennt ihr das wenn Banalitäten ins Hirn eingebrannt sind sobald man sie mit einem grausamen Ereignis verbindet?
An diesem Tag war es grau, eisig kalt und es schneite ein wenig.
Meine Kollegin machte sich diesen abartig riechenden Tee und ich trug ein gestreiftes Oberteil mit weißem Stehkragen. Ich weiß noch das ich auf die Kaffeemachine drückte als ich einen Skype Anruf auf mein Handy bekam.
Ich freute mich und dachte es wäre ein kleiner Gruß. Ich nahm an und sah in ein fremdes Gesicht. In das fremde Gesicht einer anderen Frau. Meine Augen schauten verwirrt in zwei ebenso verwirrte Augen.
Bis dieses fremde Gesicht am anderen Ende das Schweigen brach und mir im schlechten Englisch mitteilte das ich meinen Freund gefälligst verlassen soll. Sie sei seine Freundin, er würde mit ihr Leben wollen und ich solle beide endlich in Ruhe lassen.


Kennt ihr das wenn ihr an der schlimmsten Stelle eines Alptraumes endlich aufwacht und ihr euch wie einem Kind einredet das alles nur ein Traum war? Das alles gut wird und euer Leben so schön weitergeht wie bisher denn es war nur ein Traum.


Ich wünschte ich hätte an diesem Tag geträumt.
Ich wünschte ich hätte nicht erfahren das er seit 2 Jahren eine Affäre hatte die er in den Semesterferien besuchte und die er immer vertröstete wenn es darum ging sich von mir zu trennen
Ich wünschte ich wäre an diesem Tag nicht heulend im Büro zusammengebrochen und von meiner Kollegin getröstet worden.
Ich wünschte ich hätte mir nicht stunden - und tagelang sein Gejammer anhören müssen wie sehr er mich eigentlich liebte.
Ich wünschte ich hätte eine bessere Erklärung bekommen als: Ich weiß nicht warum....es tut mir leid

Ich habe mich lange gefragt warum ich an diesem Tag nicht gestorben bin denn alles was ich in diesem Moment fühlte war ein alles vernichtender Schmerz.
Menschen sterben ja bekanntlich wenn ihr Herz versagt oder? Mcin Herz starb und ich musste trotzdem leben.

Ich habe irgendwo mal gehört das ein Mensch der seinem Herzen folgt zwangsläufig das Herz eines anderen Menschen bricht.
Vermutlich trifft es das ganz gut.
Ich bin zwar nicht körperlich gestorben, dafür aber innerlich.
Ich schenkte ihm mein Herz und er nahm es einfach mit ohne mir Rede und Antwort zu stehen warum er mir antat was er mir antat.
Die ersten Tage konnte ich nichts essen. Ich musste mich zwingen überhaupt etwas zu trinken auf dem nicht "Gin" oder "Absolut Vodka" drauf stand.
Ich fühlte mich tod und wollte es auch sein. Ich nahm auf 62 kg ab aber irgendwann musste es weitergehen. Irgendwann musste ich wieder arbeiten, meinen Alltag auf die Reihe bekommen.

Und weil Essen schon vor Jahren half gewisse Defizite zu stopfen, stopfte ich mir von da an wieder Essen und sehr viel Rotwein rein sobald auch nur der Anflug eines negativen Gefühls hochkam.
Nach 6 Monaten und mit mitterlweise 70 kg traf ich in Paris, ich nenne es meinen Weglauf - Urlaub, meinen momentanen Freund.
Den Mann den ich nur näher kennenlernen wollte um mit ihm zu schlafen.
Hey, mein Herz war gebrochen aber ganz tot war ich nich. Mich mit möglichst verschiedenen Männern abzulenken war bis dato so ziemlich da Einzige was mich fast vergessen lies das ich auf einem vollkommen neuen Level gedemütigt wurde.

Er hat es seiner unfassbaren Hartnäckigkeit zu verdanken das ich nachgab und ihn, wenn auch nicht komplett, an mich ranließ.
Wobei, nein eigentlich nicht.
Einen Teil von mir kennt er bis heute nicht.
Den Teil der diesen Blog führt.
Den Teil der sich wohl fühlt wenn er etwas fühlt, auch wenn es nur Hunger oder extreme Sättigung ist.
Der Teil der sich zwar freut aber gleichzeitig Schweißausbrüche und Panik bekommt wenn es mal wieder darum geht eine gemeinsame Zukunft aufzubauen
Den Teil der ihm ins Gesicht lügt wenn er fragt wie es mir geht.

Wenn ich morgens aufwache bin ich ungefähr 5 Sekunden lang glücklich.
Nach 5 Sekunden fällt mir nämlich ein das ich vergangenen Februar nicht tot umgefallen bin, das ich mich immernoch mit diesem Gefühlsmüll rumplagen muss.
Dann fällt mir auch ein das ich 7 Jahre meines Lebens verschwendet habe und das mein Herz noch immer von jemandem umhergetragen wird der es letztlich nicht verdiente.

Aber dann stehe ich auf, gehe raus, leb mein Leben und bin jedes Mal fast etwas stolz drauf das niemand aus meinem Umfeld auch nur ahnt wie es in mir drin eigentlich wirklich aussieht. Weil ich es, auch wenn ich im Leben nicht schaffe jemanden bei mir zu halten, mich immerhin selbst zusammenhalten kann.





Jetzt bin ich ja mal gespannt wer von euch es geschafft hat sich da durch zu quälen....^^
Aber wer das geschafft hat, der kennt mich zumindest jetzt etwas besser als die Meisten.

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